Kunstquartier Bethanien, Studio 2

Samstag 6.11., 20.00 Uhr

Rohre. Röhren. Rotoren.

Astrid Schmeling – Flöten und Objekte

  • Annesley Black
  • Thierry Tidrow
  • Marianthi Papalexandri-Alexandri
  • Matthias Kaul
  • Neo Hülcker
© Regine Heiland
© Regine Heiland

Programm

  • Annesley Black
    Innermost tidings of the tube(2018)
    für Flöte und Endoskop-Kamera
  • Marianthi Papalexandri-Alexandri
    Untitled(2009)
    für präparierte Flöten und mechanische Klangerzeuger
  • Thierry Tidrow
    Shelter(2019)
    für Piccoloflöte
  • Matthias Kaul
    Münder(2016)
    für Bassflöte, 2 Flaschen, Tischabfallbehälter und Objekte
  • Neo Hülcker
    Bauvorhaben(2014/2015)
    für Flöte und Video

Astrid Schmeling – Flöte | Stefan Troschka – Klangregie & Video


Prozesse der Klangentstehung. Die Flöte eine Baustelle. Rohre, Lungen, Münder, Versuchsanordnungen. Eine konzertante Installation für Flöte, Live-Elektronik, Video, Neon-Röhren und Objekte.

Luft formt den Flötenklang, setzt Objekte in Bewegung, wird geformt durch Münder, Mündungen und Magneten, transformiert sich durch Text und in elektronisch verwandelte Stimmen. Jedes Stück erfordert einen spezifischen Aufbau, dessen Erscheinung bereits neugierig macht. Sichtbares ist in allen Stücken unterschiedlich, aber immer als strukturbildendes Element mitkomponiert.

In Innermost tidings of the tube erforscht die kanadische Komponistin Annesley Black (*1979) das Innere der Flöte mithilfe einer Endoskop-Kamera. Es geht um Fehlleitungen zwischen Auge und Ohr, Finger und Atem, Klappe und Zunge, Schatten und Stille, Ton und Licht. „Die Kommunikations-Panne scheint auf den Innenraum der Flöte zurückzuführen“, schreibt Black. „Dadurch erzählt das Rohr von seinen eigenen Besonderheiten – von den Fernbeziehungen zwischen einzelnen Löchern und dem kalten, glatten Material, das sie trennt. Zwei Enden – eines offen, eines geschlossen – und ein Loch, das von Lippen und Zunge betastet werden darf.“

Die Arbeit der griechischen Komponistin Marianthi Papalexandri-Alexandri (*1974) erforscht die Klangmöglichkeiten von sowohl existierenden Instrumenten als auch neugebauter Klangobjekte. In den Fokus rückt die Art der Klangerzeugung in Beziehung zum Verhalten der:s Interpret:in. Untitled verwendet präparierte akustische Instrumente (Bassflöte, Alt-und C-Flöten- Kopf) und mechanische Klangerzeuger, die in Zusammenarbeit mit dem Schweizer bildenden Künstler Pe Lang entwickelt wurden.

Der kanadische Komponist Thierry Tidrow (*1986) nimmt in seinem Stück Shelter die intime Beziehung zwischen Musiker:in und Instrument in den Blick. Das Stück, so Tidrow, „ist ein Spiel mit Licht, Luft und Wort: Zwar wird ein Text von der Flötistin gesprochen, aber sie flüstert ihn in ihr Instrument, damit nur die Flöte selbst ihn hört. Das Instrument ist hier nicht nur ein Freund, sondern jemand, mit dem man seine tiefsten Emotionen, Geheimnisse und Traumata teilen kann. Wir schauen dieser Szene zu, sind gleichsam Voyeure. Mit unseren Augen fokussieren wir jemanden in einer zurückgezogenen, intimen Haltung. Mit den Ohren folgen wir der Kontur und den Klängen eines Textes, dessen Worte wir nicht verstehen, so, wie wir mit Bewunderung der Melodie und den Farben einer fremden Sprache lauschen. Diese erzwungene Abstraktion legt die Musikalität des Textes frei und führt uns zu einer neuen Art des Zuhörens. Sie ähnelt dem Betrachten einer ‚Das Magische Auge‘-Graphik, in der man nach dem versteckten Bild sucht, das sich aber immer nur flüchtig zeigt.“

In Matthias Kauls (1949–2020) Komposition Münder tauchen viele Münder auf: das Mundstück der Flöte, der Mund der Spielerin, die Münder von Flaschen (gerade heiß gespült und auf dem Kopf stehend) und der eigentlich gefräßige Mund eines Tischabfallbehälters. „Wenn er seinen Deckel hebt“, so beschreibt Kaul das Szenario, „gibt dieser Mund Licht und damit Aufschluss über das, was er vom Innen sieht. Interessanterweise hat der rotierende Deckel dieses Müllschluckers innen einen Spiegel und somit werden möglicherweise manchmal verkehrt gespiegelte Ansichten der Außenwelt sichtbar. Vielleicht eine Variation des klassischen Höhlengleichnisses. Wobei (wie so oft im Leben) die gewonnenen Erkenntnisse sofort durch die Rotation des Deckels wieder gedeckelt werden.

Drei dieser Münder geben Luft: natürlich der Mund der Flötistin sowie der Mund der Flaschen, die aus thermischen Gründen Luft abgeben müssen, ein Ihnen möglicherweise vom Abwasch her bekanntes Phänomen. Das kontinuierliche Platzen tausender von kleinen Bläschen ist übrigens auch nach vielen Versuchen immer noch ein weitgehend unkontrollierbares Erlebnis. Es bleibt das Mundloch der Flöte, in das mit höchster Kontrolle Luft hineingegeben wird; denn ein wenig Kontrolle scheint mir als Navigationshilfe durch das Chaos der Explosionen und gedeckelten Erkenntnisse brauchbar zu sein.“

Auch Neo Hülckers (*1987) Stück Bauvorhaben entstand in enger Zusammenarbeit mit Astrid Schmeling. Wie in vielen Werken setzt der* Komponist* hier den Fokus auf Musik als anthropologische Untersuchung in alltäglichen Lebensumgebungen. Im Zentrum stehen Prozesse der Klangentstehung, die Flöte, eine Baustelle. Der Klang wandert aus der Fläche des Videobildes in die Dreidimensionalität der Bühne, in die physisch gespielte Musik. Visuelles und Akustisches ergeben eine strukturelle Einheit, eine mit verschiedenen Sinnen wahrgenommene Mehrstimmigkeit. Bauvorhaben ist eine Untersuchung von Luftströmungen in Rohren.


+++ 2G-Veranstaltung (Zutritt nur für Geimpfte und Genesene) +++