Kunstquartier Bethanien, Studio 1

Sonntag 14.11., 15.00 Uhr

Fremde Musik – Vertraute Musik

georg katzer ensemble Berlin

  • Mert Moralı
  • Misha Cvijović (UA)
  • Eunhye Joo (UA)
  • Saemi Jeong (UA)
  • Georg Katzer

Programm

  • Georg Katzer
    La scuola dell'ascolto 5(2018)
    für Flöte, Altsaxophon, Trompete, Schlagzeug, Akkordeon, Piano, Violine
  • Misha Cvijović
    EMOTIONAL LOGIC – ANGER (Neufassung)UA(2021)
    für Flöte, Saxophon, Trompete, Violine, Violoncello, Klavier, Percussion
  • Eunhye Joo
    Rein ins Vergnügen!UA(2021)
    für Flöte, Saxophon, Trompete, Violine, Violoncello, Klavier, Akkordeon, Percussion
  • Saemi Jeong
    AngsthaseUA(2021)
    für Flöte, Saxophon, Trompete, Violine, Violoncello, Klavier, Akkordeon, Percussion
  • Mert Moralı
    Curcuna(2021)
    für Flöte, Saxophon, Trompete, Violine, Violoncello, Klavier, Akkordeon, Percussion

georg katzer ensemble Berlin

Malin Sieberns – Flöte | Sebastian Lange – Saxophon, Klarinette | Katarina Vowinkel – Trompete | Anastasia Tsvetkova – Violine | Felix Eugen Thiemann – Violoncello | Zhifeng Hu – Klavier | Raphael Kopp – Akkordeon | Christoph Lindner – Percussion
Leitung: Gerhard Scherer


Im Andenken an den 2019 verstorbenen Berliner Komponisten Georg Katzer gründete sich noch im gleichen Jahr unter der Leitung von Gerhard Scherer die Nachwuchsformation georg katzer ensemble Berlin. Es entstand aus dem Landesjugendensemble Neue Musik Berlin, das 2013 von Gerhard Scherer und Jobst Liebrecht gegründet wurde und widmet sich größeren Ensemblebesetzungen. Inzwischen sind die Mitglieder professionelle Musiker:innen und regelmäßig in verschiedenen Formationen in der Neuen-Musik-Szene Berlins unterwegs. Die Zusammenarbeit mit jungen Berliner Komponist:innen steht dabei im Mittelpunkt. Deren Werke führt das Ensemble mit der Musik etablierter Komponist:innnen auf. Um Fremdheit – Vertrautheit kreist das Programm des Ensembles

Den Auftakte macht La scuola dell'ascolto 5 des Namensgeber Georg Katzer (1935–2019). Es entstand als sein letztes Werk und wurde von dem georg katzer ensemble Berlin (damals noch als ad hoc Ensemble unter anderem Namen) im Rahmen eines Gedenkkonzertes für den Komponisten 2019 uraufgeführt. Im Sinne einer Schule des (Zu-)Hörens, so die Übersetzung des Titels, lehrt es, im Unbekannten auch das Vertraute zu entdecken.

Es folgt EMOTIONAL LOGIC – ANGER der serbischen, in Berlin lebenden Komponistin Misha Cvijović (*1984). In ihrer Arbeit Emotional Logic, der als Gesamtzyklus vergangenes Jahr durch das Zafraan Ensemble uraufgeführt wurde, ging es darum, Grundgefühlen wie Angst, Ekel, Trauer, Wut, Freude und Überraschung Ausdruck zu verleihen.

Im Zuge der Covid-19-Krise nahm das Projekt eine überraschende Wende. Corona-Schutz und Quarantäne seitens der Mitwirkenden wurden ungeplant zu einem konstituierenden Faktor der Komposition. Klangforschung und Selbstreflektion ereigneten sich dabei in doppelter Weise: in der realen Wirklichkeit aller Musizierenden wie in der virtuellen Realität ihres Kommunizierens. Das georg katzer ensemble Berlin stellt eine Neufassung des Teils ANGER (Wut) vor, dass die Komponistin eigens für das georg katzer ensemble Berlin schrieb.

Die junge koreanische Komponistin Eunhye Joo (*1996), nach einem Abschluss an der Hanyang Universität und zahlreichen Meisterkursen aktuell Studentin in Mannheim bei Sidney Corbett, begibt sich mit ihrem Stück Rein ins Vergnügen! auf Spurensuche in die Kindheit. „Einmal waren wir Kinder“, schreibt sie, „und jetzt sehe ich durch ein anderes Kind meine vergangene Kindheit an. Bei diesem Stück handelt sich um eine Betrachtung der ‚glänzenden Endlichkeit‘. Wir haben sie schon erlebt, Kinder erfahren sie, und nachfolgende werden sie erleben. Die meisten Kinder sind fröhlich und haben eine heitere und bewegliche Energie. Der Ort, an dem Kinder, diese Wesen der ‚glänzenden Endlichkeit‘ am kindlichsten werden, ist der Spielplatz. Schaukeln, klettern, rutschen und hüpfen. Auf dem Spielplatz haben die Kinder so viel Spaß. Und nicht nur das: ihre Energie wird von ihnen musikalisch ausgedrückt. Lasst uns zu einem Ort gehen, wo reine Freude herrscht!“

Seine Ausbildung führte den türkischen Komponisten Mert Moralı (*1992) von Ankara, über Berlin, Vigo (Spanien) bis nach London. Aktuell studiert er elektroakustische Musik an der HfM „Hanns Eisler“ Berlin. Moralıs sozialistisches, politisches Engagement und seine musikalische Intuition als ehemaliger Flötist erzeugen in seinem kompositorischen Denken eine besondere Interaktion dieser zwei Pole: quasi melodisches, rein musikalisches Denken und ein kritisches musikgeschichtliches und gesellschaftliches Bewusstsein. Über sein Stück Curcuna schreibt er: „Curcuna (Ausprache: ‚Dschurdschuna‘) ist der türkische Name eines rhythmischen Modus in nahöstlicher Musik und Musik des Balkans. Auf Türkisch beschreibt das Wort auch eine laute und chaotische Situation. Während eine Definition des Wortes eine bestimmte zeitliche Organisation in der Musik impliziert, drückt die andere eine Situation einer lauten Verwirrung oder eines Razzmatazz aus. In dem Stück war meine Hauptabsicht, einen kompositorischen Rahmen zu schaffen, in dem die Musik zwischen diesen beiden Definitionen des Wortes oszillieren kann. Durch diese Schwingung glaube ich, dass ich einen akustischen Raum geschaffen habe, in dem ich die Angst, den Zorn und die Suche nach Hoffnung entfalten konnte, die mich während der Pandemie beschäftigten.“

Auch die Koreanerin Saemi Jeong ist zurzeit Studentin an der HfM „Hanns Eisler“ Berlin. Sie ist Teil des „Kollektiv Unruhe“, ein Berliner Komponist:innenkollektiv und Ensemble, das sich diesen Sommer mit seinem ersten Konzert vorstellte. Über ihr Stück Angsthase schreibt sie: „Die beiden poetischen Themen, die sich durch Angsthase ziehen, sind ‚Ängstlichkeit‘ und ‚Unentschlossenheit‘. Diese Attitüden gelten normalerweise als etwas, das man überwinden oder vermeiden sollte. In ihnen ist jedoch auch ein ästhetisches Potenzial zu finden, in das verschiedene und neue Aspekte eingeschlossen werden können, indem es verzögert wird, eine Entscheidung zu treffen, oder etwas, das schon entschieden ist, stark zu forcieren. Daher dienen diese Emotionen sowohl als Ausgangspunkt dieses Werkes als auch als Prinzip für dramaturgische Bewegungen während der Komposition.“ Für die Komponistin war es wichtig, sich bei der Suche nach Klangmaterialien auf die Trivialitäten des Alltags zu konzentrieren. Ihr Augenmerk galt der Schönheit der ungeschliffenen Klänge, die wie ein Zufall zu einem kommen, zu reproduzieren, ohne die Trivialität und das Unbeabsichtigtsein von ihnen zu verändern.